Die letzten paar Abende hab ich mit der Lektüre von Telefonbüchern verbracht. Eigentlich ja keine wirklich spannende Abendunterhaltung, aber die Amtlichen Verzeichnisse der Teilnehmer an den Ortstelephonnetzen des Oberpostbezirks München sind da eine echte Ausnahme. Für 1906 und 1910 hab ich nur München, Ismaning und Planeck, für 1915 den ganzen Bezirk, der in etwa Oberbayern umfasst. Ist aber trotzdem übersichtlich, 330 Seiten reichen, 237 davon München (das war allerdings kleiner als heute, Trudering, Aubing und Perlach z.B. waren eigene Gemeinden und Riem gehörte noch zur Gemeinde Dornach).
Schon die Einleitungen sind ein echtes Fundstück für die Fans von Douglas Adams. Neben allerlei Hilfen zum Dialog mit dem Umschaltebeamten oder zur ganz neu eingeführten Selbstwahl innerhalb des Otsnetzes findet sich 1910 folgender Hinweis:
Nach dem auf zahlreiche Versuche gestützten Wissenschaftlichen Gutachten eines amtlichen Instituts ist die Ansteckungsgefahr beim Gebrauche der Telephonapparate äusserst gering und deshalb ein Bedürfnis nach Desinfektion der Apparate nicht gegeben. Hält sie der Teilnehmer aber für notwendig, kann er sie selbst vornehmen oder durch Dritte besorgen lassen. Er haftet aber für allen Schaden...
Fünf Jahre später war man sich entweder nicht mehr so sicher oder hat ein neues Servicemodell für die Post erfunden. Jedenfalls folgt auf den Satz mit den Gutachten:
Aus Gründen der Reinlichkeit werden aber die staatseigenen Teilnehmersprechstellen (Membrane und Schalltrichter der Mikrophone und Hörtelephone) bei der jedes Jahr mindestens einmal erfolgenden Nachschau und bei jeder aussergewöhnlichen Nachschau anlässlich von Störungen usw. durch das Personal der Telegraphenverwaltung unentgeltlich desinfiziert.
Die staatseigene Telephonapparate jener Teilnehmer, die gleichwohl eine öftere Desinfektion aus besonderen Gründen für notwendig halten, werden auf Verlangen durch das Personal der Post- und Telegraphenverwaltung wöchentlich einmal gegen eine vorauszahlbare, vierteljährliche Gebühr von 4M 50Pf für eine Sprechstelle desinfiziert.
Es macht auch Spass im Adressteil zu schmökern. Telefone waren ja damals recht selten, Betriebe hatten welche, Behörden, Polizei, Militär, Gastronomie. Auf dem Land gabs einen Apparat pro Dorf, oft bei der Postdienststelle untergebracht (damals gabs noch richtige Postämter auf dem Land!) oder im Kommunikationszentrum des Ortes:
Westerholzhausen. Gemeindliche öffentiche Telephonstelle bei Genovefa Dafelmair, Gastwirtschaft in Westerholzhausen, Post Markt Indersdorf, angeschlossen an Markt Indersdorf (Dachau).
Keine bestimmten Dienststunden. Unfallmeldedienst.
In der Stadt gab es ein paar Privatleute, die einen Apparat zuhause hatten und dort liest sich das Telefonbuch wie das Who's Who der Hauptstadt. Es wimmelt von Exzellenzen, Grafen, Bankiers, Anwälten, Guts- und Realitätenbesitzern und natürlich den hinterbliebenden "Kommerzienrats-Wwe"n. Einige Firmen sind heute immer noch in der gleichen Gegend wie damals. Die Leute hatten auch keine Hemmungen, ihre Privatnummer zu veröffentlichen. Wer wollte, konnte 1910 auch einen Minister, den Schwager des österreichischen Kaisers oder andere Prominenz zuhause anrufen.
638 Beck Ludwig, Kgl Hofposamentier, Dienerstr. 23 Kontor
638 Derselbe, Burgstr. 2, Werkstätte-Kontor
4747 Dallmayr Alois (Inhaber: Th. H. & F. Randlkofer) Kgl. u. herzogl. Hoflieferant, Delikatessen-, Conserven- u. Kolonialwarengrosshandlg., Wild- u. Geflügel-, Wein- u. Spirituosen-Lager, Dienerstr. 15
2024 Horn, Karl Frh. v., Exzellenz, Kriegsminister, Schönfeldstr 7 Privatwhg
131 Ludwig, Herzog in Bayern, Kgl. Hoheit, Möhlstr. 26 (Seine Königl. Hoh. Persönlich)
132 Derselbe, Möhlstr. 26 Hausmeister
4188 Rischart Max, Bäckerei u. Feinbäckerei, Fraunhoferstr. 30
6286 Rodenstock G., Optische Fabrik, Isartalstr. 41
1942 Staatsministerium des Kgl. Hauses und des Aeusseren, Wohnung Sr Ezx. d. Staatsministers Dr. Freih. von Podewils
31561 Thoma, Dr. Ludwig, Schriftsteller, Jägerstr. 17
Aufdringliche Werbung im Telefonbuch war übrigens noch nicht üblich. Die vier Schlüsseldienste waren ganz unspektakulär unter "Türschliesser, geräuschl." einsortiert und neun Privatdetektive einfach unter "Auskunftei".
Rufnummernmitnahme gab es damals nicht, aber man hat sich wohl bemüht, ähnliche Nummern neu zu vergeben. Thomas Mann war in den drei Jahren in drei Wohnungen gemeldet und durfte 1915 seine Nummer fast mitnehmen:
2189 Mann Thomas, Schriftsteller Franz Josefstr. 2 (1906)
31920 Mann Thomas, Schriftsteller Mauerkircherstr 13 (1910)
41920 Mann Thomas, Schriftsteller Poschingerstr. 1 (1915)
Die Schreibweise von "Franz Josefstr." sieht falsch aus, die schreibt man ja heute "Franz-Joseph-Str." mit Bindestrichen und "ph". Damals wurde auch die "Prinz Regentenstr." oder "Paul Heysestr." so geschrieben. Man hat einfach ein "str." an den Namensgeber ohne Leerzeichen angehängt und auf Striche verzichtet. Das gleiche Verfahren galt für Ortsnamenstrassen ("Wolfratshauserstr.", "Dachauerstr.", "Nymphenburgerstr.", "Tegernseerlandstr." statt heute "Dachauer Str."), eine Rechtschreibregel, deren elegante Schlichtheit irgendwann in den letzten hundert Jahren verlorenging und trotz aller Reformen nicht wiederkam.
Der konsequente Verzicht auf das SZ ("Strassenbauamt") kommt übrigens meiner Schreibweise hier entgegen. Ich halte das scharfe S ja auch für unnötig und werde mich in Zukunft in dieser Sache auf die gute alte Prinzregentenzeit berufen.