Freitag, 17. August 2007Simplicissimus online
Eine Arbeitsgemeinschaft von Archivaren hat sich die Mühe gemacht, alle Jahrgänge von 1896 bis 1944 des Simplicissimus zu scannen und als PDF online zu stellen. Natürlich nicht nur die Texte, wär ja langweilig bei so einer bildlastigen Zeitung, sondern als Faksimile, in Farbe, samt Grafiken und Anzeigenteil. Ein Inhalts- und Autorenverzeichnis als normaler Text haben sie auch dazu getippt.
Vieles davon versteht man natürlich nicht mehr. Die Andeutungen auf das aktuelle Geschehen sind heute so unverständlich wie es in 100 Jahren Andeutungen auf Verteidigungsminister in Swimmingpools oder stammelnde Ministerpräsidenten sein werden. Das Titelbild vom 1. April 1902 zum Beispiel mit einer Armee von Sektflaschen die ein Kriegsschiff verlassen, kapiert man nur, wenn man rausbekommt, dass der Sinn der damals eingeführten Sektsteuer die Finanzierung der kaiserlichen Kriegsmarine war. Ist das eigentlich immer noch so? Süffeln wir Schaumwein für unsere Soldaten am Horn von Afrika? Wahrscheinlich nicht. Auch das wird bei kommenden Generationen nicht anders sein, wenn sie ihren Opa fragen müssen, was dieser Begriff "Solidaritätszuschlag" auf ihrer Lohnabrechnung eigentlich bedeutet. Auch der Reklameteil der Zeitung wird nach so langer Zeit wieder lesenswert. Neben wirklich schönen Autos mit 3 PS findet man allerhand Anzeigen zu Beauty und Wellness sowie einige Dinge, die man heute so nicht mehr bewerben würde... Angeblich von Lesern eingesandte Witze waren übrigens auch schon im 19. Jahrhundert so platt wie heute: Der Kultusminister besichtigt eine Kunstsammlung. Der führende Gelehrte macht ihn darauf aufmerksam: "Sehen Ew. Exzellenz die herrliche Färbung dieser Vase, diesen herrlichen Ton!" Seine Exzellenz nähert sein Ohr der Vase und klopft mit dem Zeigefinger daran: "Ah! Sehr schön!" (Bilder aus dem Simplicissimus. "Motorwagen" 4/24 Sept. 1899, "Schnurrbart" 11/6 Mai 1906, "Nasenformer" 25/5 Apr. 1920, "Excelsior" 4/15 Juli 1899, "Photographien" 4/24 Sept. 1899) Nachtrag: Das Titelbild hab ich wieder rausgenommen, der Zeichner Thomas Theodor Heine ist 80 Jahre alt geworden und starb 1948, seine Bilder bleiben noch 11 Jahre geschützt, auch wenn sie vor 105 Jahren gezeichnet wurden. Also müsst Ihr selber in den PDFs suchen, macht eh Spass, dort zu schmökern. Donnerstag, 16. August 2007Alles Unsinn
Ich muss meinen Beitrag vom 3.8. zurücknehmen. Das war alles Stuss, was Herr Ziercke und seine zwei Experten der Chip verraten haben. Sagt jedenfalls das BKA:
Eine BKA-Sprecherin erklärte auf Nachfrage, das Gespräch mit Ziercke sei nicht autorisiert gewesen. Wie muss man sich diese Sommerpause in der Politik eigentlich vorstellen? Handeln die zurückgebliebenen untergeordneten Beamten eigentlich im Auftrag und schmeissen Nebelgranaten wenn der Chef weg ist? Oder muss ich mir das eher so vorstellen, dass die Eltern aus dem Haus sind und die Kinder in der sturmfreien Bude Party machen und sich ein neues Terrorabhörzentrum aus den Sofakissen zusammenschieben wo sie dann zusammensitzen und sich Szenarien irgendwo zwischen 007 und Star Wars ausdenken? Fest steht: Nix genaues weiss ma ned. Die Fachwelt rätselt wies funktionieren soll, aber alle sind sich ganz sicher, dass man die Online-Durchsuchung dringend braucht und man keinen Tag länger warten darf. Freitag, 10. August 2007Dresdner SpamMeine Bank passt sich nun dem Werbemüllniveau der seriösen Gewinnbenachrichtigungen an. Die "Beraterbank" verschickt ganz unbunte, seriös aussehende Schreiben an ihre Kunden um ihnen neue Verträge anzubieten. Ich habe dort nur ein Girokonto und bekam ein Schreiben meiner Filiale: Mit der Bitte um Ich hab mir zwar schon so halb gedacht, dass die gar nicht mein Konto meinen, sondern mir einen Bausparvertrag aufschwatzen wollen, aber vielleicht war das ja auch ein Versehen, und da ruft der blöde Kunde natürlich an. Das mit dem Bausparvertrag war falsch, mein Berater wollte mit mir über meine Altersvorsorge reden.Ich hab ihm dann gesagt, dass ich meine Reklame in Zukunft gerne wieder bunt und erkennbar haben möchte. Ich glaube er hat mich nicht so richtig verstanden, weil die "Aktion bisher eigentlich bei allen Kunden sehr gut angekommen" sei. Aber der freundliche Mann wollte irgendwo vermerken, dass ich andere Formen der Kundenansprache bevorzuge. Schaun wir mal, was die Bank macht, wenn sie wirklich mal einen Rückruf haben will in einer Sache, die sich tatsächlich um die bestehenden Geschäftsbeziehungen dreht. Auf den seriösen Brief falle ich ja nicht mehr rein, da müssen sie sich schon was anderes überlegen. Deutlich erkennbare handschriftliche Notizen auf einem handgeklebten Post-it z.B. könnten mich noch an den Hörer locken. Samstag, 4. August 2007Gaytanamo
Ich dachte ja, die "Raubkopierer sind Verbrecher"-Spots der Film- und Musikindustrie sind ja schon grenzwertig. Da wird jugendlichen Filmkopierern unterschwellig mit Vergewaltigung in der Justizvollzugsanstalt gedroht, Raubkopierer im Kuhkostüm werden von Stieren besprungen und ein zur Tarnung auf dem Fussballplatz eingegrabener Verbrecher wird geköpft.
Die Pornoindustrie kann sowas aber toppen. Die können auch ihr exterritoriales Foltergefängnis filmisch aufbereiten. Bei Dark Alley gibts jetzt "Gaytanamo" für nur $59,95 als Doppel-DVD: The most controversial porn movie of 2007 is here! Dark Alley mixes political parody, classical music and scorching sex in Gaytanamo, as an innocent German tourist is kidnapped off the street and accused of being a terrorist, then subjected to abuse and torture. The whole porn world is already talking about it! Im Gegensatz zu den Schaffern der Hart-Aber-Gerecht-Spots stehen die Pornographen allerdings zu ihrer analen Fixierung und ihren sexuellen Gewaltphantasien... (Link zum Film fehlt leider, man darf zwar abgeschlagene Köpfe über den Fussballplatz fliegen lassen, aber dort wird schrecklicheres gezeigt: Sex) Freitag, 3. August 2007Chat mit einem TrojanerVor ein paar Tagen hab ich den Quellcode eines trojanischen Pferdes gefunden und ein bisschen damit gespielt. Ich war echt überrascht, wie bequem diese Hackerei geworden ist. Wenn das Ding gestartet ist, hinterlässt es nur noch ein unauffälliges 5480 pts/2 S 0:00 <defunct>
Wie man sieht, kann der Trojaner also auch ganz beliebige Shell-Befehle ausführen, eine Download-Funktion bringt er auch schon mit. Als vollwertiger User mit Shell-Account kann man auf dem Rechner des Opfers schon richtig schön arbeiten. Man kann Mails verschicken, Homepages bauen, nach Dateien suchen und die irgendwohin versenden, Werkzeuge für weitere Hackversuche runterladen und von diesem Rechner aus weiter in andere Rechner eindringen. Falls man es schafft, eine lokale Lücke im System zu finden und dort root-Rechte zu erlangen, hat der Trojaner noch ein paar Angriffstools dabei, um einen feindlichen Rechner mit Paketen zu fluten. das ganze natürlich nicht mit der richtigen IP-Adresse des Opfers, sondern mit einer ausgedachten (im Fall oben die 10.11.12.xxx). Die vier angebotenen Flutverfahren waren im Test allerdings nicht sehr wirkungsvoll. "TSUNAMI" klang so vielversprechen hat aber leider garnichts gemacht und "UNKNOWN" hat sein Zeitlimit nicht eingehalten. Aber dafür hat man ja eine ganze Schar von Trojanern, mit denen man sich im Chat unterhalten kann. Die Masse machts. Die Verbreitung des Tools passiert über eine inzwischen bekannte und hoffentlich überall gepatchte Lücke in Confixx. Dort konnte man unter bestimmten Bedingungen PHP-Dateien von fremden Servern auf den Server des Opfers übertragen und dort ausführen. Diese PHP-Datei "fullroot.txt" hat dann ein C-Programm (eben dieses "defunct.c") ausgepackt und compiliert und ein paar Verzeichnisse durchprobiert, in der man diese Datei ablegen kann. Ich verwende Confixx zwar nicht, hab aber die Zugriffsversuche in den Logfiles verfolgt und konnte die Datei dann von Hand holen. Die Motivation des Programmierers ist mir nicht klar. Spielkind, Chatkrieger oder echter Krimineller, alles ist möglich. Die Spur führt zu CS-Spielern in Franken, aber ganz sicher bin ich mir da nicht. Ich würde auch nichts allzu böses unterstellen. Jemand, der statt char key[]="SoUrCeD"; sowas schreibt key[4]=(key[6]=(key[5]='a'+4)-1^32)-1; hat einfach Stil und Gefühl für sprachliche Eleganz. Sojemand kann kein schlechter Mensch sein! PS: Ich würde ja gern den Quellcode veröffentlichen, aber leider geht das bald nicht mehr wegen § 202c. Dank unseres Gesetzgebers muss jetzt einfach jeder warten, bis er sich selbst einen Schädling eingefangen hat, bevor er ihn sich ansehen darf...
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